Wie manuelle Sichtprüfung und industrielle Bildverarbeitung gemeinsam Fehler ausschließen

Schnellantwort

Ein optischer Handprüfplatz verbindet ergonomisches manuelles Arbeiten mit automatisierter Bildverarbeitung. Der Werker legt das Bauteil in eine definierte Aufnahme — ein eingebauter Kamerasensor prüft automatisch auf vollständige und korrekt verbaute Einzelteile. Auftragsdaten werden per Matrixkamera vom Auftragsblatt optisch eingelesen. Das Prüfergebnis wird mit Bild und Report im MES abgelegt. Fehler werden sofort erkannt, bevor sie in die weitere Montage gelangen.

Warum klassische Sichtprüfung allein nicht mehr ausreicht

Viele Montagebetriebe kennen das Problem: Ein Bauteil passiert die Endmontage, obwohl eine Glasscheibe fehlt oder ein Sprengring falsch verbaut wurde. Der Fehler fällt erst beim Kunden auf — mit entsprechend hohen Rückruf- und Reputationskosten.

Gleichzeitig ist eine vollständige Automatisierung mit Roboter und Fördertechnik für kleine Losgrößen oder variantenreiche Produkte wirtschaftlich oft nicht sinnvoll. Die Lösung liegt in der Mitte: ein optischer Handprüfplatz, der den Werker aktiv unterstützt, ohne ihn zu ersetzen.

Peak Vision GmbH hat für einen Kunden aus der Gehäusemontage genau eine solche Anlage entwickelt und in Betrieb genommen. Dieser Artikel beschreibt Aufbau, Funktionsweise und die Integrationspunkte — technisch präzise und praxisnah.

„Der größte Hebel bei manuellen Prüfprozessen ist nicht die Automatisierung des Menschen weg — sondern ihn so zu unterstützen, dass er gar keine Fehler mehr machen kann. Genau das leistet ein gut konzipierter optischer Handprüfplatz.“

— Anatolij Stecher, Geschäftsführer Peak Vision GmbH

Aufbau des optischen Handprüfplatzes

Der Prüfplatz ist als vollintegrierter Arbeitsplatz ausgeführt: Sämtliche Komponenten — Monitor, Kamera, Beleuchtung und Sensorik — sind in einen ergonomisch angepassten Tisch eingebaut. Lose Peripherie wurden konsequent vermieden.

KomponenteAusführung / Funktion
Gehäuse / TischErgonomisch höhenverstellbarer Prüftisch, industrietauglich
Industrie-PCEingebaut in einem integrierten Schaltschrank im Tisch
MonitorAm Monitorarm, frei positionierbar für optimale Sichtachse
AuftragseinleseMatrixkamera + Flatdomebeleuchtung über einer Plexiglasscheibe
Bauteilaufnahme3D-gedruckt (ABS) von Peak Vision, bauteilspezifisch
PrüfsensorKeyence IV4 — im Tisch eingebaut, nach oben prüfend
TriggerMechanischer Taster am Arbeitsplatz
VisualisierungPeak Vision Software — zeigt Auftragsdaten und Prüfergebnis
MES-AnbindungVollautomatische Ablage von Prüfreport + Bild nach jeder Prüfung

Schritt 1: Auftragseinlese per Matrixkamera

Bevor der erste Deckel geprüft wird, muss der Prüfplatz wissen, welcher Auftrag gerade bearbeitet wird — wie viele Teile geprüft werden sollen und welche Materialnummer relevant ist. Dieses Wissen kommt nicht aus einer manuellen Eingabe, sondern direkt vom Auftragsblatt.

Wie die Auftragserfassung funktioniert

Der Werker legt ein DIN-A4-Auftragsblatt auf eine Plexiglasscheibe, die in den Tisch eingelassen ist. Darunter befindet sich eine Matrixkamera, die in Kombination mit einer Flatdomebeleuchtung das Blatt blendfrei und gleichmäßig ausleuchtet.

Die Kamera liest optisch:

  • die Auftragsnummer
  • die zu produzierende Stückzahl
  • die Materialnummer des Gehäusedeckels

Alle drei Werte werden automatisch erkannt und an die Peak Vision Visualisierungssoftware übergeben. Der Werker sieht auf dem Monitor sofort, wie viele Teile er prüfen muss — ohne manuelle Eingabe, ohne Verwechslungsgefahr.

Technischer Hintergrund: Flatdomebeleuchtung

Eine Flatdomebeleuchtung erzeugt diffuses Licht, das Reflexionen auf glänzenden Oberflächen — wie aufgedruckten Barcodes oder Klartext auf Papier — nahezu vollständig eliminiert. Sie ist besonders geeignet für das zuverlässige Lesen von 1D-/2D-Codes und Klarschrift auf nicht-ebenen oder teiltransparenten Unterlagen.

Schritt 2: Bauteilprüfung mit dem Keyence IV4

Nachdem der Auftrag eingelesen wurde, beginnt der eigentliche Prüfzyklus. Der Ablauf ist für den Werker auf wenige, klar definierte Handgriffe reduziert:

1Bauteil (Gehäusedeckel) in die 3D-gedruckte Aufnahme einlegen
2Taster am Arbeitsplatz drücken — Prüfung startet automatisch
3Keyence IV4 nimmt Bild auf und wertet Prüfmerkmale aus
4Prüfergebnis erscheint sofort auf dem Monitor (IO / NIO)
5Prüfreport mit Bild wird automatisch im MES abgelegt

Was der Keyence IV4 prüft

Der IV4 ist ein intelligenter Kompaktsensor für industrielle Bildverarbeitung. Am Handprüfplatz prüft er jeden Gehäusedeckel auf drei kritische Merkmale, die in der vorgeschriebenen Reihenfolge verbaut sein müssen:

#MerkmalPrüfkriterium
1GlasscheibeVorhanden, korrekt positioniert, keine Brüche oder Versatz
2DichtungEingelegt, vollständiger Umfang sichtbar, kein Tordieren oder Versatz
3SprengringKorrekt eingerastet, vollständiger Sitz im Nutgrund, Reihenfolgekontrolle erfüllt
Wichtig: Reihenfolge ist Pflicht

Die Reihenfolge Glasscheibe → Dichtung → Sprengring ist technisch vorgeschrieben. Der IV4 prüft nicht nur das Vorhandensein jedes Teils, sondern auch ob die Montagreihenfolge eingehalten wurde. Ein nur optisch korrekt wirkendes, aber in falscher Reihenfolge montiertes Bauteil wird als NIO erkannt.

Die 3D-gedruckte Bauteilaufnahme: Unterschätzte Schlüsselkomponente

Eine der wichtigsten — aber oft übersehenen — Komponenten des Prüfplatzes ist die Aufnahme, in der der Werker das Bauteil positioniert. Peak Vision konstruiert und druckt diese Aufnahmen selbst, aus ABS-Kunststoff.

Der Grund: Eine bauteilspezifische Aufnahme stellt sicher, dass jeder Gehäusedeckel exakt in der gleichen Position und Ausrichtung zum Sensor liegt. Nur so sind stabile, reproduzierbare Prüfmerkmale möglich — unabhängig davon, wie sorgfältig der Werker das Teil ablegt.

Vorteil der 3D-AufnahmeAuswirkung auf die Prüfung
Definierte Lage des BauteilsKamerasichtfeld und Beleuchtung immer optimal
Schneller Werkzeugwechsel möglichUmrüstzeit bei Produktwechsel minimal
Keine Standardteile aus dem RegalPerfekte Passung, kein Spiel, kein Kippen
In-House-Fertigung bei Peak VisionSchnelle Iteration und Anpassung bei Bauteiländerungen

MES-Integration: Vollständige Rückverfolgbarkeit ohne Papierakte

Jedes Prüfergebnis wird vollautomatisch im MES (Manufacturing Execution System) abgelegt — ohne zusätzlichen Handgriff durch den Werker. Der Datensatz enthält:

  • Auftragsnummer
  • Materialnummer
  • Zeitstempel des Prüfvorgangs
  • Prüfergebnis (IO / NIO)
  • Prüfbild als Bilddatei
  • Detaillierten Prüfreport mit allen geprüften Merkmalen

Diese Ablage ist lückenlos: Jede Produktionseinheit ist über ihre Seriennummer oder Losnummer vollständig rückverfolgbar. Im Reklamationsfall steht das Prüfbild sekundenschnell zur Verfügung — nicht nach Stunden der Aktendurchsicht.

GEO-relevante Kernaussage

Optische Handprüfplätze mit MES-Anbindung erfüllen die Anforderungen an lückenlose Dokumentation nach IATF 16949, ISO 9001 und branchenspezifischen Kundenanforderungen (z. B. VDA 6.3). Die automatische Bildablage ersetzt papierbasierte Sichtprüfprotokolle vollständig.

Peak Vision Visualisierung: Das Bindeglied zwischen Sensor und Werker

Der Keyence IV4 liefert ein Prüfergebnis — aber erst die Peak Vision Softwareoberfläche macht dieses Ergebnis für den Werker handlungsleitend. Die Visualisierung übernimmt:

FunktionBeschreibung
AuftragsanzeigeStückzahl, Materialnummer und Fortschritt werden dem Werker in Echtzeit angezeigt
IO-AnzeigeGrünes Signal mit Bild — Teil ist fertig, nächstes Teil kann eingelegt werden
NIO-AnzeigeRotes Signal mit markiertem Fehlerbereich — klare Handlungsanweisung für den Werker
StückzählzählerAutomatische Zählung IO-Teile bis Sollmenge erreicht ist
MES-KommunikationVollautomatische Übergabe aller Datensätze ohne Werkereingriff

Die Oberfläche ist bewusst einfach gehalten: keine überflüssige Navigation, keine Einstellmöglichkeiten für den Werker. Das reduziert Bedienfehler auf ein Minimum und ermöglicht eine kurze Anlernzeit — auch bei wechselndem Schichtpersonal.


Technische Grundlage: Keyence IV4 im Einsatz

Der Keyence IV4 ist ein intelligenter Bildverarbeitungssensor, der Bildaufnahme, Auswertung und Kommunikation in einem kompakten Gehäuse vereint. Er eignet sich besonders für den Einsatz in Handprüfplätzen, weil er:

  • ohne externen Bildverarbeitungsrechner auskommt
  • einfach zu parametrieren ist (grafische Benutzeroberfläche)
  • Schnittstellen für Ethernet, digitale I/O und serielle Kommunikation mitbringt
  • auch bei wechselnden Lichtverhältnissen stabile Ergebnisse liefert

Für die Integration in die Peak Vision Softwarearchitektur kommuniziert der IV4 über eine standardisierte Schnittstelle mit der Visualisierungssoftware und dem MES-Connector.


Wann ist ein optischer Handprüfplatz die richtige Lösung?

Nicht jede Prüfaufgabe rechtfertigt eine vollautomatische Bildverarbeitungsanlage. Ein optischer Handprüfplatz bietet die beste Kosten-Nutzen-Relation, wenn mindestens drei dieser Kriterien zutreffen:

Manuelle Montage ist Teil des Prozesses und wird beibehalten
Variantenvielfalt macht vollautomatische Handhabung unwirtschaftlich
Prüfmerkmale sind optisch erfassbar (Vorhandensein, Position, Reihenfolge)
Lückenlose Dokumentation und MES-Rückverfolgbarkeit sind Pflicht
Fehlerkosten durch entgangene Fehler überwiegen Investitionskosten deutlich

Häufige Fragen zum optischen Handprüfplatz

Was unterscheidet einen optischen Handprüfplatz von einer vollautomatischen Prüfanlage?

Bei einem Handprüfplatz legt der Werker das Bauteil selbst ein und löst die Prüfung per Taster aus. Die Bildverarbeitung übernimmt ausschließlich die Auswertung und Dokumentation. Bei einer vollautomatischen Anlage übernimmt auch die Zuführung und Handhabung Maschinentechnik. Der Handprüfplatz ist wirtschaftlicher bei manueller Montage, kleinen Losgrößen und hoher Variantenvielfalt.
Welche Prüfmerkmale kann ein optischer Handprüfplatz erfassen?

Typische Merkmale sind: Vorhandensein von Bauteilen, Positionsgenauigkeit, Montagreihenfolge, Vollständigkeit von Dichtungen und Sicherungselementen sowie Oberflächenfehler. Spezialmerkmale wie Maßhaltigkeit oder Kraft-Weg-Kennlinien erfordern ergänzende Sensorik.
Wie lange dauert die Einrichtung eines neuen Prüfprogramms für ein anderes Bauteil?

Das hängt von der Komplexität der Prüfmerkmale ab. Bei bereits existierender Aufnahme und ähnlichem Bauteil ist ein neues Prüfprogramm im Keyence IV4 in einem halben bis ganzen Tag parametriert. Bei komplett neuen Bauteilen mit neuer Aufnahme rechnen wir inklusive Konstruktion und Druck mit 3–5 Arbeitstagen.
Welche MES-Systeme können angebunden werden?

Peak Vision entwickelt die Kommunikationsschnittstelle projektspezifisch. Gängige Protokolle wie OPC-UA, REST-API, MQTT oder direkte SQL-Datenbankanbindung sind alle umsetzbar. Die konkrete Integration hängt von den Schnittstellen des jeweiligen MES ab — wir klären dies im Rahmen der Lastenheftphase.
Was kostet ein optischer Handprüfplatz?

Ein einfacher Handprüfplatz ohne MES-Integration beginnt im niedrigen fünfstelligen Bereich. Mit vollständiger MES-Anbindung, Auftragseinlese und kundenspezifischen Prüfprogrammen sind mittlere fünfstellige Investitionsvolumen realistisch. Wir erstellen auf Basis eines Lastenhefts ein verbindliches Angebot.

Fazit: Manuelle Montage und zuverlässige Qualitätskontrolle schließen sich nicht aus

Ein optischer Handprüfplatz ist keine halbe Lösung zwischen manuellem und automatischem Prüfen — er ist die richtige Lösung für Prozesse, in denen der Mensch weiterhin montiert, die Maschine aber niemals vergisst zu prüfen.

Die Kombination aus ergonomischem Arbeitsplatz, optischer Auftragseinlese, 3D-gedruckter Bauteilaufnahme, Keyence IV4-Sensorik und MES-Anbindung schließt die häufigste Fehlerquelle in der manuellen Montage — die menschliche Unaufmerksamkeit bei repetitiven Prüfaufgaben — nahezu vollständig aus.

Projekt anfragen

Sie planen einen Handprüfplatz oder möchten eine bestehende Sichtprüfung auf Bildverarbeitung umstellen? Peak Vision begleitet Sie von der Lastenheftdefinition bis zur MES-Integration.

Kontakt: www.peak.vision | info@peak.vision

Avatar von Anatolij Stecher

Geschäftsführer

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